Zielführend streiten

Mir fällt auf, dass der Ton in unserer Gesellschaft rauer wird. Ich habe den Eindruck, dass sie zurückliegenden Monate diese Tendenz verstärkt haben. Besonders in den Sozialen Medien beobachte ich, wie sich der Ton verschärft.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin sehr für den Wettstreit von Ideen und diskutiere leidenschaftlich gerne. Aber ich sehe eine Entwicklung, die mir nicht gefällt. Und die macht mir Sorge.

Wer Verantwortung trägt, kennt dieses Gefühl: Egal, wie man sich entscheidet, irgendwer scheint immer dagegen zu opponieren. Vor allem dann, wenn es um Innovation geht, können die Wellen hochschlagen. Denn bei Innovation wird ja immer etwas infrage gestellt, was zu einer anderen Zeit eine gute Entscheidung gewesen ist.

Ich möchte eine Auswahl von zugegebenermaßen simplen Vorschlägen unterbreiten, um im notwendigen Streit miteinander die Wahrheit aufzudecken. Dabei schaue ich auf das Thema im Kontext einer Abteilung bzw. eines Teams.

Ein guter Ausgangspunkt ist die Frage:

Was teilen wir?

Ich glaube, dass dieser Ausgangspunkt nicht überbewertet werden kann: Klären, was mein Gegenüber und mich verbindet.

Dazu gehört sicher auch die Erkenntnis, dass im Regelfall alle an der Diskussion Beteiligten helfen wollen, die Lage oder das Produkt zu verbessern.

Ich muss mich fragen: Bin ich selbst bereit zur Gutvermutung? Auch im Streit? Selbst dann, wenn ich emotional stark beansprucht bin oder der Widerstand von jemandem kommt, mit dem ich mich schwertue?

Bin ich offen für die Meinung des anderen?

Damit meine ich, wirklich offen und bereit, etwas zu lernen. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Haltung sich ohne Worte kommuniziert und beim Gegenüber ankommt. Offenheit und Lernbereitschaft zeigen, hat letztlich mit Kultur zu tun. Außerdem vermittle ich mit dieser Haltung Souveränität: Ich kann es mir leisten, offen zu sein, meinen eigenen Blickwinkel in Frage stellen zu lassen.

Indem ich diese Offenheit kommuniziere, lockere ich bildlich gesprochen den Boden und schaffe so die Voraussetzungen dafür, dass etwas Neues entstehen bzw. wachsen kann.

Wenn es mir gelingt, meine Lernbereitschaft in ernst gemeinte Fragen zu kleiden, ist das ein weiteres Plus.

Ich halte mich an die Faustregel: Der Herrgott hat mir zwei Ohren, aber nur einen Mund gegeben. Wenn ich also im Verhältnis 2:1 mehr höre als spreche, bin ich auf der sicheren Seite.

Faktencheck

Wie steht es um meine Fakten? Habe ich alles bedacht? Bin ich sattelfest, wenn es um die Datenlage geht? Sind meine Quellen vertrauenswürdig? Sind die Daten stichhaltig? Ist meine Interpretation der Fakten korrekt? Betrachte ich sie durch einen Filter? Was steht meiner Position entgegen? Bin ich gewillt, die Argumente der Gegenseite zu durchdenken?

Wichtig: In der Auseinandersetzung muss ich es vermeiden, die Fakten und Daten der anderen Seite zu verzerren.

Meine Meinung darlegen – in demütiger Haltung

Bloß weil ich eine bestimmte Position bekleide, beispielsweise strukturelle Autorität genieße, heißt das noch lange nicht, dass ich im Recht bin. Der alte Spruch, „Paragraph 1, der Chef hat immer recht“, hilft nicht weiter.

Niemand hat immer recht! Deshalb ist es weise, die eigene Meinung in demütiger Haltung zu präsentieren.

Mir hat beispielsweise imponiert, wie Wissenschaftler in den zurückliegenden Monaten der Corona-Krise immer wieder darauf aufmerksam gemacht haben, dass ihre Meinung auf dem gegenwärtigen Wissensstand basiert. Das haben sie besser gemacht als so manche Politiker.

Klar, eine demütige Haltung mag nicht besonders attraktiv wirken, sie kommuniziert aber eine wichtige Botschaft: Die aktuelle Sicht könnte auch durch neuere Erkenntnisse relativiert bzw. korrigiert werden und dann ist es an der Zeit, das eigene Handeln ggf. zu korrigieren.

Ein Schlussgedanke

Es gibt Vorgesetzte, die infolge ihres Rollenverständnisses und ihrer Persönlichkeitsstruktur mit engagierten Diskussionsbeiträgen nicht umgehen können. Sie fühlen sich schnell angegriffen. Deshalb ist es von überragender Wichtigkeit, dass in den eigenen Wortbeiträgen immer Wertschätzung mitklingt, damit das Gegenüber sein Gesicht wahren kann.

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  • Bild-ID 1209560713: fizkes/shutterstock.com

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