Wenn ein Anliegen zum Knüppel wird

Vorsicht! Verwechslungsgefahr!

Ein neues Wort macht seit geraumer Zeit die Runde. Man spricht von ‚woke‘. Das klingt so ähnlich wie die gewölbte Pfanne aus der chinesischen Küche, mit der sich Stephan Raab seinerzeit den Eiskanal in Winterberg hinabstürzte, hat aber damit nichts zu tun. 

Es geht ums Wachsein. Ein Wachsein der besonderen Art. 

Ursprünglich bedeutete ‚woke‘ nur nach dem Schlaf aufgewacht sein – wie in dem berühmten Liedtext der Beatles[1]: „Woke up, fell out of bed; dragged a comb across my head“ (Bin aufgewacht, aus dem Bett gefallen und habe den Kamm durch meine Haare gezerrt). 

Im afroamerikanischen Milieu der Vereinigten Staaten ist der Begriff schon über Generationen bekannt und in Verwendung. ‚Woke‘ bezeichnete ein Bewusstsein für soziale Unterdrückung. 

Spätestens mit dem Aufkommen der Black-Lives-Matter-Bewegung wurde der Begriff von der breiten Öffentlichkeit aufgegriffen: Wachsamkeit gegenüber systemischem Rassismus und der damit verbundenen Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Vorurteilen. 

‚Woke‘ ist in Amerika zum Synonym des Widerstandes geworden. Leider erfährt der Begriff seit einiger Zeit eine Umdeutung. Anders als früher steht ‚woke‘ heute nicht nur für Wachsamkeit gegen Rassismus, sondern wendet sich auch gegen Chauvinismus, Patriarchalismus, Sexismus und Antifeminismus. 

Die Neue Züricher Zeitung polemisiert: „’Wokeness‘, nunmehr Teil des selbstgefälligen progressiv-urbanen Vokabulars, ist heute zum Inbegriff einer gesteigerten politischen Korrektheit geworden, zum Safe Space, in dem sich alle wohlfühlen, solange sie schrill schimpfen, verleumden und beleidigt aufstampfen dürfen.“ 

Ich behaupte: Aus dem berechtigten Anliegen ist ein Knüppel geworden, mit dem man vortrefflich andersdenkende niederprügeln kann. 

‚Woke‘ in Deutschlands Geschäftswelt

Auch in der deutschen Geschäftswelt ist ‚woke‘ inzwischen angekommen. Weichgespült drückt sich ‚woke capitalism‘ (der sozial „aufgewachte Kapitalismus“) in der bewussten Abkehr vieler Unternehmen von der Idee aus, dass Profit die oberste Richtschnur der Firmenstrategie sein sollte. 

Man versucht, soziale, ökologische und beziehungsbezogene Belange vermehrt in Entscheidungsprozesse zu integrieren. – Mit dem ursprünglichen Anliegen, was sich mit ‚woke‘ verband, hat das natürlich nichts mehr zu tun. Und so bin ich gespannt, ob wir es mit einer vorübergehenden Phase zu tun haben oder mehr dahintersteckt. 

Nichts Neues unter der Sonne

Vielleicht überrascht es Sie, wenn ich behaupte, dass das ‚Woke-Sein‘ ein alter Hut ist. Schon die Bibel kennt die Idee. Und zwar in verschiedenen Nuancen:

1) Als Idee der sozialen Gerechtigkeit, wie auch Gleichwertigkeit aller Menschen 

2) In der Bedeutungsvariante der spirituellen Wachsamkeit  

Der jüdische Gelehrte Paulus wird nicht müde, seine Mitchristen immer wieder darauf hinzuweisen. So schreibt er den christlichen Gemeinden in der Provinz Galatien (heute Anatolien): „Hier gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und freien Menschen, zwischen Mann und Frau. Denn durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle zusammen ein neuer Mensch geworden.“ Galaterbrief 3,28 Neue Genfer Übersetzung

Im Buch der Psalmen wiederum wird vom „Wachsein“ gegenüber Gott gesprochen. Auf der Flucht vor einem Feind dichtet David Psalm 57. Darin heißt es: „Sei woke (wache auf), meine Seele! Gott, mein Herz vertraut auf dich, deshalb will ich dich preisen! ‚ (Psalm 57,8 Übersetzung Neues Leben. Die Bibel).Wach zu sein bedeutet im christlichen Glauben, ohne Ansehen der Person Gott mit Herz und Händen dort zu dienen, wo ich hingestellt worden bin oder wo Not am Menschen ist. Das geschieht, indem ich die Bedürfnisse meiner Mitmenschen wahrnehme, tatkräftig zupacke und so Gutes tue. 

Zum guten Schluss

Sonntags veröffentliche ich regelmäßig kurze Impulse zu spirituellen Themen. Dabei orientiere ich mich meistens am Kirchenjahr. Ich greife aktuelle Themen auf oder schreibe einfach über das, was mir wichtig ist. Wenn Sie Interesse haben, mehr zu lesen, dann schauen Sie hier vorbei.


[1] Text: John Lennon and Paul McCartney

Bildquellen

  • Einsatzbereiter Schlagstock: Copyright: saksuvan

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