Wenn die Hauptsache zur Nebensache wird

Podcast: Wenn die Hauptsache zur Nebensache wird

Vergangene Woche habe ich über die kleinen roten Fähnchen an parkenden Flugzeugen geschrieben, die Leben retten können, weil sie bei der Sicherheitsüberprüfung auf kritische Bereiche hinweisen. 

Heute geht es noch einmal um die Fliegerei. Allerdings aus einer völlig anderen Perspektive. Es geht um Unternehmenskultur, wie diese sich verändern kann und welche enormen Auswirkung das hat.

Anlass ist ein Artikel von Bruce Daisley, in dem er über die Probleme des Flugzeugbauers Boeing schreibt. 

Worum es geht

Stellen Sie sich vor: Ein Unternehmen, dessen ganzer Stolz modernste Flugtechnik und Sicherheit gewesen sind, wird seit etwa 6 Jahren von einer Reihe ernster technischer Probleme heimgesucht. Immerhin sind bei mehreren Unfällen des Flugzeugtyps Boeing 737 MAX insgesamt 346 Menschen zu Tode gekommen. 

Die beiden jüngsten Vorfälle sind erst wenige Wochen alt. Glücklicherweise sind sie glimpflich verlaufen:

  1. Sicher erinnern Sie sich an die Notausgangstür, die samt Rahmen aus dem Rumpf einer Boeing 737 kurz nach dem Start in Anchorage, Alaska herausgerissen worden war. 
  2. Anfang März knickte das linke Fahrwerk des gleichen Flugzeugtyps nach der Landung in einer Rechtskurve ein. Das Flugzeug war im Begriff in Houston, Texas, die Landebahn zu verlassen. 

Dass es sich nicht um eine Pechsträhne, sondern tiefer liegende Probleme handelt, macht eine im Januar von der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA angeordnete Untersuchung deutlich. 

Überprüft wurde der Fertigungsprozess im Boeing-Werk in Renton, Washington. In 33 von 89 untersuchten Fällen kam es zu erheblichen Beanstandungen. – Mit anderen Worten: Jede dritte 737 MAX wies ernste Mängel auf. 

Ein Problem mit Ansage

Die britische Tageszeitung The Guardian fasst Boeings Problem so zusammen„Dies ist eine besorgniserregende Entwicklung für ein US-Unternehmen, dass früher als Synonym für Sicherheit und Handwerkskunst galt. Boeing, das vor allem für die Revolutionierung der kommerziellen Luftfahrt bekannt ist, hatte jahrzehntelang einen ausgezeichneten Ruf.“

Ich habe mich gefragt: Wie es zu der Pannenserie kommen konnte. In der Presse lese ich, dass der tiefere Grund in einer erheblichen Veränderung der Geschäftspraxis von Boeing zu finden ist, nämlich einer Entwicklung, die sich in den zurückliegenden 20 Jahren vollzogen hat. 

Über die Zeit gewann eine profitorientierte Kultur die Oberhand. Was früher einmal die Hauptsache gewesen war, der Bau moderner Jets, die höchsten wirtschaftlichen und technischen Ansprüchen und Sicherheitsstandards genügten, trat hinter das Streben nach Profitmaximierung zurück. 

Zugespitzt formuliert: Die Hauptsache wurde mit der Zeit zur Nebensache und das rächte sich irgendwann. 

Was das mit Ihnen und mir zu tun hat

Vielleicht denken Sie: Was kümmern mich die Qualitätsprobleme eines amerikanischen Flugzeugbauers? Die Westküste Amerikas ist weit weg. 

Stimmt. Zunächst einmal hat das alles nichts mit Ihnen zu tun. Allerdings frage ich mich, ob Sie immer noch so denken würden, wenn Sie im Urlaubsflieger sitzend feststellen, dass Sie sich gerade in einer Boeing 737 MAX befinden. 

Auch wenn die wenigsten von uns in Bereichen arbeiten, in denen unsere Arbeitsqualität über das Wohl oder Wehe von Menschen entscheidet, so ist dieses Thema doch wichtig. 

Veränderungen von Wertesystemen bzw. Arbeitskultur und damit der Neuausrichtung des Unternehmens hin zu etwas grundlegend anderem, beispielsweise der Profitmaximierung gibt es überall. 

Was kann ich tun? 

Der natürliche Reflex besteht darin, auf die Verantwortung der Unternehmensleitung zu verweisen. Schließlich sind Vorstand und Topmanagement verantwortlich für den Kurs der Firma. 

Nach meinem Dafürhalten reicht es nicht, lediglich auf „die da oben“zu zeigen. Jeder ist gefragt. Warum? Weil jeder auf die Unternehmenskultur Einfluss nimmt. 

Ich glaube, dass es in der Verantwortung aller Mitarbeitenden steht, auf eventuelle Probleme hinzuweisen. Und damit meine ich, nicht nur darüber zu sprechen, sondern die eigenen Bedenken ggf. schriftlich zu dokumentieren und zu ihnen zu stehen.  

Das kostet unglaublich viel Mut. Aber was ist die Alternative? Etwa dem Druck nachgeben, minderwertige Arbeit leisten und so vielleicht – wie im Falle von Boeing – das Leben unzähliger Menschen gefährden? 

Diese Frage hat sich auch der Sicherheitsmanager John Barnett gestellt und hat daraufhin mutig gehandelt. Er wies auf Mängel bei der Herstellung hin. Anfangs stieß er auf taube Ohren. Der Flugzeugbauer unternahm nichts. Erst nachdem die amerikanische Luftfahrtbehörde auf den Fall aufmerksam wurde und Untersuchungen einleitete, die schließlich Barnetts Bedenken bestätigten, reagierte Boeing.  

Merke: Jeder, ich eingeschlossen, prägt die Unternehmenskultur. Wenn der Moment gekommen ist, Flagge zu zeigen, muss ich handeln. Und das auch dann, wenn mir zunächst einmal Nachteile entstehen könnten.

Bildquellen

  • Symbolbild eines Cockpits: Foto von Kelly: https://www.pexels.com/de-de/foto/zwei-piloten-die-ein-flugzeug-fliegen-2898316/

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