Warum „Schwamm drüber“ nicht weiterhilft

Schlechte Laune, schlampige Arbeit, mangelnde Disziplin oder respektloser Umgang unter Kollegen – es gibt viele Gründe, warum Menschen aneinander schuldig werden. Diese Schuld kann das betriebliche Miteinander empfindlich beeinträchtigen, ja, sogar lähmend wirken. Deshalb ist es wichtig, dass Beziehungskonten ausgeglichen und etwaige Spannungen geklärt sind. Schuldhaftes Verhalten muss angesprochen und aus der Welt geschafft werden. Sonst wirkt es wie ein krankmachender Keim im Organismus des Unternehmens. – Und was Krankheitserreger anstellen, haben wir alle in den zurückliegenden Wochen mitbekommen, wenn nicht sogar selbst erlitten.

Aber wie geht man in der Führungssituation mit Schuld, Vergebung und Vertrauen um? Wie verhält man sich bei wiederholter Schuld?

Ein Missverständnis hat mich früher daran gehindert, in bestimmten Situationen zu vergeben. In meiner Vorstellung waren Vergebung und Vertrauen zwei Seiten einer Münze. Mir war die Notwendigkeit der Vergebung klar. Auch wollte ich vertrauen. Aber der Gedanke, ausgenutzt zu werden (und leider habe ich das mehrmals erlebt), war mir unerträglich.

Was Vergebung ausmacht

Vergeben geht ein Willensakt. Ich muss mich dazu entschließen, dem anderen zu vergeben. Je nach Schwere der vorliegenden Schuld, muss ich mich unter Umständen regelrecht aufraffen. Jemandem vergeben zu sollen kann sich anfühlen, wie einen “schlafenden Polizisten” zu überfahren (so nennt man in Teilen Ostafrikas die Bodenwellen, die in Wohngebieten zum langsamen Fahren zwingen). Man muss bewusst über den unangenehmen Hubbel drüber rollen, bevor man weiterfahren kann.

Interessanterweise gibt es aber noch ein anderes Wesensmerkmal der Vergebung: Sie kann einseitig geschehen. Ich kann jemandem vergeben, auch wenn dieser sich weigert oder aus anderen Gründen dazu unfähig ist, seine Schuld einzusehen.

Einseitige Vergebung ist besser als keine Vergebung. Warum? Weil sie mich reinigt. Im Bilde gesprochen: Vergebung desinfiziert mich von den belastenden und krankmachenden “Keimen” der Schuld, mit der ich mich auseinandersetzen muss. Sie macht mich resilient und beschenkt mich mit besserer Lebensqualität. Deshalb ist es ratsam, für sich selbst Vergebung zu praktizieren.

Der Unterschied zur Versöhnung

Wer vergibt, schafft die Voraussetzung dafür, dass die Vergangenheit bewältigt werden kann. Vergebung ist die Voraussetzung für Versöhnung.

Anders als bei der Vergebung sind bei der Versöhnung mindestens zwei Parteien beteiligt. Versöhnung ist vergleichbar mit dem Säubern einer Schultafel vor Unterrichtsbeginn. Es wird Fläche geschaffen, damit Zukunft “geschrieben” werden kann.

Ein folgenschweres Missverständnis

Auch wenn es sich so anfühlt, Vergebung und Vertrauen sind zwar eng miteinander verbunden, aber nicht zwangsläufig aneinander gekettet.

Dazu ein Beispiel: Wenn jemand bei seiner Reisekosten-Abrechnung betrogen hat und das zugibt, ist es an mir, ihm in meiner Rolle als Vorgesetzter Vergebung zu zusprechen. Ich schaffe auf diese Weise die Voraussetzung für eine gemeinsame, produktive Zukunft. Das heißt aber nicht, dass ich der betreffenden Personen fortan blind vertrauen muss. Im Gegenteil, ich kann mit meiner Vergebung Erwartungen kommunizieren und Regeln für die Zukunft festlegen. Die Einhaltung dieser Spielregeln wird dann zum Nährboden, auf dem Vertrauen zunächst keimen und später wachsen kann.

Vergebung und Versöhnung blicken aus der Gegenwart auf Vergangenes. Vertrauen hingegen liegt in der Zukunft.

So kann Vertrauen wachsen

Wenn sich also Mitarbeiter wegen Alkoholmissbrauch, Diebstahl oder anderem Fehlverhalten verantworten müssen und Reue zeigen, ist es angemessen, ihnen zu vergeben. Nur so kann die Voraussetzung für eine gute Zukunft geschaffen werden. Aber einfach nur „Schwamm drüber“ sagen und weitermachen wie bisher, ist nicht zielführend. Im Gegenteil, es öffnet dem Fehlverhalten Tor und Tür.

Nach meinem Dafürhalten ist es zwingend notwendig, dem anderen klar zu machen, dass zerstörtes Vertrauen erst wieder wachsen muss. Es kann nicht einfach so wie früher weitergehen. Dafür sind Vergebung, Versöhnung und Vertrauen zu kostbare Güter. Klare Regeln und Verhaltensweisen müssen vereinbart und von beiden Seiten akzeptiert werden. Die Zeit wird dann zeigen, ob und wie neues Vertrauen wächst.

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