Von einem Navi angebrüllt?

Mein Navi ist das Beste!

Mein Auto verfügt über ein Navi. Sehr angenehm empfinde ich, dass das Navi sich von Zeit zu Zeit ohne mein Zutun aktualisiert. Morgens, wenn ich einsteige, sind die neuesten Karten geladen. Klasse. 

Was mir auch recht gut gefällt, ist die neue Stimme: Die Dame klingt nicht wie früher: abgehackt und mechanisch, wie ein Roboter. Sie hat auch nicht diesen leicht depressiven Unterton, den die Navis früher in unseren Firmenautos hatten. Sachlich und mit einem Hauch verbindlicher Freundlichkeit weist das Navi mir den Weg. So lasse ich mich gerne durch unbekannte Gefilde lotsen. 

Stellen Sie sich für einen Moment vor, dass das Navi Sie anbrüllen würde, wenn sie einen Fahrfehler begehen, oder es würde schmollen, wenn Sie seinen Anweisungen nicht sofort Folge leisten. Nicht auszudenken, wenn dann noch der eine oder andere Kraftausdruck dazu käme. 

Ich würde auf die Dienste eines solchen Navis verzichten, egal wie überragend präzise das Gerät vielleicht funktioniert. Das tue ich mir nicht an. 

Kostspielige Fehler

Und wie ist es mit unserem Alltag, wenn wir als Vorgesetzte die Rolle eines Navis übernehmen müssen? Schaffen wir es, freundlich und sachlich die Führung zu übernehmen, auch dann, wenn kostspielige Fehler passieren oder wir nicht gut gelaunt sind? Es kann ja auch sein, dass wir durch emotional geladene Befindlichkeiten navigieren müssen.  

In Schwaben, habe ich mir berichten lassen, gilt der Satz: „Net gschimpft is gnuch globt.“ – Nicht geschimpft ist ausreichend gelobt. 

Ich sehe das anders. Menschen lassen sich am besten motivieren, wenn man ihnen positiv gegenübertritt. Das fängt bei der Kindererziehung an und ist später im Betrieb nicht anders. 

Allerdings gibt es einen Aspekt, der gerne übersehen wird: Jeder Mensch bringt seine Prägung mit zur Arbeit.Menschen verfügen über ganz unterschiedliche Erfahrungen, die allesamt direkte Auswirkungen auf – beispielsweise – den Umgang mit geäußerte Kritik haben. 

Versteckte Ursachen 

Von Dr. Henry Cloud  habe ich dieses Beispiel: Stellen Sie sich vor, Ihr Mitarbeiter hat ein langes Wochenende im Freibad verbracht und sich dabei einen schmerzhaften Sonnenbrand zugezogen. In Hemd und Sakko fällt das nicht weiter auf. Aber Sie können Ihrem Mitarbeiter echte Schmerzen zufügen, wenn Sie ihm in freundschaftlicher Manier kräftig auf die Schulter klopfen. Was von Ihnen als aufrichtige Freudenbekundung oder Ermunterung gemeint ist, kann dem anderen richtig wehtun. 

 Also Vorsicht! Wenn schon gut gemeinte, freundschaftliche Äußerungen von Ihrem Mitarbeiter buchstäblich verschmerzt werden müssen, dann ist bei Kritik besondere Umsicht geboten. Ich bin der Auffassung, dass Kritik sorgfältig eingepackt werden muss. Die »Methode Hamburger« reicht in der Regel nicht aus: Lob oben und unten, dazwischen die Kritik. Je nach Sozialisation und Erfahrung kann es sein, dass vor allem bei unsicheren Mitarbeitern bis zu sieben affirmative Äußerungen nötig sind, damit die eine Kritik angemessen »verstoffwechselt« wird. 

Was heißt das nun praktisch? Wie kann man Kritik angemessen verpacken? Wie lassen sich schwierige Gespräche führen? 

Ich muss an eine Geschichte aus dem Johannesevangelium denken. In dieser Geschichte geht es um die Aufarbeitung einer Enttäuschung, also eine äußerst delikate Angelegenheit. 

Was war passiert?

Sein wichtigster Mann hatte kläglich versagt, in dem er in einem Krisenmoment seine Beziehung zu Jesus verleugnete. Ich rede von Petrus. Der hatte nachts den Schauprozess um den inhaftierten Jesus beobachtet. Er wurde dreimal darauf angesprochen, dass er ein Anhänger von Jesus sei. Dreimal verleugnete Petrus das. Obwohl er seinen Fehler sofort erkannt hat und darüber bittere Tränen der Reue vergossen hat, drückte die Last schwer auf ihm: Er, Petrus, hatte seinen Lehrer aufs Tiefste enttäuscht. 

Etwa eine Woche später wird Petrus vom inzwischen auferstandenen Jesus angesprochen. Auf feinfühlige und zugleich eindeutige Weise wird Petrus von Jesus zur Rede gestellt. Ich empfehle Ihnen, die Geschichte nachzulesen. Sie hat es wirklich in sich. Johannesevangelium 21,15-19.    

Nach drei pointierten Wortwechseln ist der Vorfall zwischen Petrus und seinem Meister vom Tisch. Sein Versagen ist ausgeräumt. Petrus hat nicht nur Vergebung empfangen, nein, er kann wieder Teil des engsten Zirkels um den Meister sein. Mehr noch, er erlangt seine alte Führungsrolle wieder.

Allein dieser Gedanke bewegt mich, weil ich immer wieder erlebe, dass Menschen, die einmal einen gravierenden Fehler getan haben, nur selten eine zweite Chance bekommen. Damit nimmt man sich selber und dem betroffenen Mitarbeiter möglicherweise eine große Zukunft.

Kritik sorgsam planen, sie im rechten Moment platzieren und dann das Risiko der Gutvermutung eingehen und dem Kritisierten eine Chance der Bewährung einräumen, mag nach recht viel Aufwand klingen und ist es tatsächlich auch. Trotzdem ist dieses Vorgehen alternativlos, soll Führung gelingen.

Mein Praxistipp

Bevor ich mich verabschiede, möchte ich Ihnen ein paar Fragen mit auf den Weg geben. 

Fragen Sie sich in Ihrer Führungsrolle, bevor Sie Kritik äußern: Hat der Fehler bzw. das Fehlverhalten Ihres Mitarbeiters charakterliche Ursachen? Mangelt es vielleicht nur an Fachkenntnis oder Anleitung? Würde mit frühzeitigem Feedback das gewünschte Ergebnis erzielt werden können? Überlegen Sie gründlich und ziehen Sie beherzt Konsequenzen. 

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