Über die Linie

Very british!

Die Autorin Jennie Pollock machte mich diese Tage auf etwas sehr Britisches aufmerksam. Im Parlament, genauer gesagt im „House of Commons“, im weitesten Sinne vergleichbar mit unserem Bundestag, sitzen sich die Kontrahenten gegenüber. Sie werden getrennt durch einen Tisch und – jetzt kommt’s – zwei Linien im Teppich. Die Markierungen im Boden sind zwei Schwertlängen auseinander.  Früher dienten sie dazu, das eigene Revier zu markieren. Außerdem hielten sie davon ab, dem Gegner im Eifer der Debatte mit der gezückten Klinge zu nahe zu kommen.

Tatsächlich: Den jeweils diskutierenden Kontrahenten war und ist es bis heute nicht erlaubt, diese Linie im Teppich zu überschreiten. Sie sind eine unübersehbare Markierung, an die man sich unbedingt halten muss: Bis hierher und nicht weiter.

„Very british!“, habe ich mir gedacht. Zwei Linien im Teppich sorgen dafür, dass man sich in der aufgeheizten politischen Debatte nicht an die Gurgel geht bzw. den anderen aufspießt, obwohl man dazu durchaus in der Lage wäre.

Andere Beispiele

Beim weiteren Nachdenken über den linierten Parlamentsteppich fiel mir auf, dass es auch an anderen Stellen im Leben machtvolle Linien gibt. Zwei aktuelle Beispiele:

  1. Der amtierende amerikanische Präsident sprach von einer roten Linie im Syrienkonflikt, die nicht überschritten werden dürfe. Gemeint war der Einsatz von Chemiewaffen durch das Assad-Regime. Als Präsident Trump meinte zu wissen, dass Assad die rote Linie überschritten hatte, ließ er das amerikanische Militär syrische Ziele beschießen.
  2. Deutlich friedlicher verhielten sich die beiden koreanischen Präsidenten, die vor einigen Tagen symbolträchtig die Demarkationslinie zwischen ihren beiden Ländern überschritten.

Linien markieren Territorien

Linien verbinden nicht nur die Punkte A und B, sie stecken auch Territorien ab. Sie ordnen die Welt in diesseits und jenseits der (Trenn-)Linie, umfassen und schließen aus, mal in Form eines Jägerzauns oder eines Stacheldrahtverhaus, gerne auch im übertragenen Sinn als subtile Geste, die drohend kommuniziert: „Freundchen, sei vorsichtig. Überschreitest du diese Linie, wird’s ungemütlich.“

Das Ziehen von Linien gehört zum Führungsalltag, denn auch hier wird ein- und ausgegrenzt. Manchmal ist ein Leiter versucht oder dazu aufgerufen, Mitarbeiter auf Linie zu bringen, weil sie gar zu eigenständig denken oder handeln.

Was Sie sich fragen müssen

Wie weit ist mein Verantwortungsrahmen gesteckt? Was schließt er ein? Gibt es neben den sichtbaren Linien (Kompetenzregeln, Arbeitsplatzbeschreibungen, etc.) unsichtbare, die Ihnen zur Stolperfalle werden könnten (jedes Unternehmen hat neben den offiziellen Regeln seine unausgesprochenen Gesetze)? Aber auch: Wo muss ich Linien ziehen, mich abgrenzen, ja schützen vor übergriffigen Kollegen und Vorgesetzten, die mir ungebeten Arbeit oder Verantwortung unterschieben wollen, die sie selbst nicht zu leisten bzw. zu tragen bereit sind.

Und dann sind da noch die Linien, entlang denen Konflikte entstehen. – Kann es sein, dass mein Beitrag versöhnender Natur sein sollte? Könnte meine Berufung als Führungskraft darin bestehen, die Voraussetzungen für Heilung zu schaffen und so dem Unternehmen eine zusätzliche Dynamik zu ermöglichen?

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