Podcast: Die ach so schöne große Bühne!

Ein großer internationaler Künstler gab einmal einem jungen ehrgeizigen Kollegen diesen Rat mit auf den Weg:

“Be gracious on the way up and gracious on the down.” – Sei gütig auf dem Weg nach oben und nach unten.

Ich glaube, dieser weise Rat gilt nicht nur für Künstler auf den Konzert- und Theaterbühnen. Auch Führungskräfte haben ihre ganz eigenen Bühnen.

Nur nicht vergessen…

Was jener große Künstler gemeint hat, war: Vergiss nicht, es werden dir viele den Weg auf die große Bühne ebnen (müssen), nicht zu Letzt das zahlende Publikum. Deshalb sei freundlich zu den Menschen. Behandle sie zuvorkommend. Du verdankst ihnen viel. Und wenn du freundlich und gütig auf dem Weg nach oben bleibst, wirst du feststellen, dass mancher dir freiwillig den Steigbügel halten wird, einfach so, um dir etwas Gutes zu tun.

In gleicher Weise, wenn du die Bühne verlässt, sei dankbar für das, was du erleben und leisten durftest. Du bist gefeiert worden. Zu Recht! Aber: Vergiss nie, dass der Erfolg nicht allein deiner war. Es waren die vielen im Hintergrund, die dazu beigetragen haben, dass du das tun durftest, was jetzt gefeiert wurde. Deshalb teile – wo das möglich ist – den Applaus. Weise von dir weg auf die anderen, die man auf den ersten und zweiten Blick nicht sieht. Feiere sie.

Mein schlechtes Beispiel

Während ich diese Worte schreibe, steht mir eine Begebenheit von Augen, bei der ich jämmerlich versagt habe. Es war nach einer Auszeichnung, die ich für einen meiner Filme erhalten hatte. Anstatt meine Kolleginnen und Kollegen zu feiern, die mit ihrem Einsatz den Film erst ermöglicht hatten, sonnte ich mich im Licht des Erfolgs auf ihre Kosten. – Das war damals ein ausgesprochen egoistisches Verhalten für das ich mich heute schäme.  

Eine unbequeme Wahrheit

Aber noch etwas anderes schwingt in diesem Satz mit. Es ist eine unbequeme Wahrheit, die der eine oder andere nicht hören mag: Die Zeit im Rampenlicht ist begrenzt und zwar für jeden. Auch für den erfolgreichsten Künstler senkt sich irgendwann der Vorhang zum letzten Mal und dann ist es vorbei mit dem großen Auftritt. Spätestens dann sollte man zügig die Bühne räumen. Tut man das nicht, läuft man Gefahr, dass man irgendwann unfreiwillig von selbiger entfernt wird. Oder es passiert etwas Schlimmeres. Man wird öffentlich vorgeführt.

Das Rampenlicht, der Auftritt, die große Bühne, der Applaus, sie alle schmeicheln dem Ego. – Und sie sind ganz in Ordnung. Denn wer etwas geleistet hat, der sollte erleben dürfen, wie man ihn feiert.  Aber die Bühne hat ihre ganz eigenen Versuchungen. Es beginnt damit, dass man sich an Applaus und  Anerkennung gewöhnen kann. Mehr noch, es kann Anspruchsdenken entstehen.

Bleibt die Frage:

Wann räume ich die Bühne?

Ich glaube, es ist notwendig, dass man eine radikale Ehrlichkeit mit sich selbst praktiziert. Das Problem sind häufig die schmeichelnden Worte jener, die meinen Erfolg feiern. Ich darf mich nicht davon blenden lassen. Stattdessen ist es wichtig, für sich selber zu klären: Bin ich immer noch in der Lage, wirklich Neues zu geben oder ist das, was ich auf der Bühne kommuniziere, von gestern?

Ich glaube, das Räumen der Bühne ist kein Thema des Alters, denn ich kenne und schätze alte Menschen, von denen ich enorm viel lerne. Warum? Weil sie im Kopf frisch sind und mich wieder und wieder herausfordern. – Und das nicht nur mit Worten, sondern auch mit ihrem Lebensstil.

„Sei gütig auf dem Weg nach oben und nach unten.“ – Dieser Satz, so bescheiden er auch klingt,  illustriert für mich wahre Größe.

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