Manches Ende muss sein, auch wenn‘s wehtut

Dr. Henry Cloud bringt es auf den Punkt. In seinem Buch „Necessary Endings“ schreibt der klinische Psychologe: „Manches Ende muss sein, damit Neues entstehen kann.“ 

Das klingt einleuchtend und doch weiß ich, wie schwer es einem fallen kann, sich von Altem zu trennen und Neuem zuzuwenden.

Worum es Henry Cloud geht 

Der Blick in die Natur lehrt mich, dass es natürliche Kreisläufe gibt: Blätter welken im Herbst. Sie fallen zu Boden. Schaffen Platz für Knospen. So bereiten sich Bäume auf die nächste Vegetationsphase nach dem Winter vor. 

Aber auch das ist wahr: 

  1. Wer saftige Äpfel ernten will, muss Obstbäume zurückschneiden. 
  2. Ein Rosenstrauch blüht dann besonders intensiv, wenn man ihn zuvor von überzähligen Trieben befreit hat.

Umgekehrt habe ich Folgendes erlebt: Nicht weit von unserem Haus stehen einige Apfelbäume auf freiem Feld. Sie sind schon Jahre nicht mehr zurückgeschnitten worden. 

Von einem ist unlängst ein großer Ast abgebrochen. Offensichtlich hat er die Last nicht mehr tragen können. Jetzt klafft dort, wo früher der Ast ansetzte, ein großes Loch. Und genau an dieser Stelle können Schädlinge ungehindert in den Stamm eindringen. 

Eine vergleichbare Gefahr besteht im privaten Leben. Mit der Zeit sammelt sich zu viel an. Ich verliere meinen Fokus und verzettele mich. Anstatt aufs Wesentliche zu achten, verbrauche ich meine Kräfte an zu vielen Baustellen. Die Folge dessen ist, dass ich meinem eigentlichen Potenzial nicht gerecht werde, mich unfreiwillig aufs Mittelmaß reduziere. 

Was zu tun ist

Um das Potenzial freizusetzen, das in einem Obstbaum oder Rosenstrauch schlummert, muss ich überzählige Triebe abschneiden, sagt Henry Cloud. 

Aber Vorsicht! Schneiden will gekonnt sein. Wer die Gartenschere in der Hand führt, muss zweierlei beachten: 

  1. Einfach wild wegschneiden richtet mehr Schaden an, als es Nutzen bringt. Ich muss mir über die Wirkung dessen im Klaren sein, was ich tue.
  2. Und ich sollte vor Arbeitsbeginn ein klares Bild dessen haben, was später einmal werden soll.

Auf die persönliche Lebensführung bezogen stellt sich demnach die Frage, ob ich klare Vorstellungen dessen habe, wie ein gelingendes Leben in meinem Fall aussehen soll. Die Antwort zeichnet ein deutliches Bild der Zukunft. Manch einer greift zum Modewort Vision. Ich nenne dieses Zukunftsbild mein Sehnsuchtsbild. Und zwar deshalb, weil in ihm eine emotionale Komponente mitschwingt. 

Bevor ich mit dem Schneiden beginne, mich also von irgendetwas trenne, lohnt sich die Beschäftigung mit dem Wörtchen »Nein«. Der Grund dafür ist einfach: Jeder Schnitt verursacht in der einen oder anderen Form Schmerzen. Schließlich muss ich mich von Gegenständen, Aufgaben oder sogar Menschen trennen. 

Es ist immer besser, erst gar nicht schneiden zu müssen. Und hier kann ein im Vorfeld gezielt eingesetztes Nein Wunder wirken. 

Ein paar Fragen, die helfen können 

Zunächst einmal frage ich mich sehr grundsätzlich: 

  • Handelt es sich bei dem, was ich abzuschneiden beabsichtige, um etwas, das mein Leben vollstopft oder ist es in der einen oder anderen Weise wichtig für mich? 
  • Hilft das, was mein Leben derzeit ausmacht, mein Ziel zu erreichen? Wie bringt es mich weiter?
  • Welcher »Ast« birgt das größte Potenzial in sich, um später einmal die gewünschten Früchte zu tragen?

Wenn ich mir nicht sicher bin, und das ist öfters der Fall, als mir lieb ist, frage weiter: 

  • Was kann ich unternehmen, um in einem bestimmten Lebensbereich doch noch Erfolg zu ermöglichen? 
  • Was muss ich investieren? Kann und will ich mir das leisten? 
  • Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Dinge dann zum Guten wenden?

Und dann der schmerzhafte Teil

Haben Sie befriedigende Antworten auf die oben aufgeführten Fragen, folgt der schmerzhafte Teil: das Zurückschneiden, sprich, bewusst etwas zu beenden oder mich von Dingen zu trennen – mit dem Ziel, Raum für Wachstum zu schaffen.

Zweifellos ist dieser Prozess schmerzhaft, denn ihm fällt unter Umständen Liebgewordenes zum Opfer. Deshalb ist es wichtig, sich das Warum vor Augen zu führen: Es geht nicht ums Abschneiden um des Abschneidens willen, vielmehr um den Fokus, die Konzentration aufs Wesentliche. 

Darf ich Ihnen noch ein persönliches Beispiel geben? 

Als unsere Kinder ihr Elternhaus verließen, haben meine Frau und ich uns vor den Renovierungsarbeiten einen Moment im ehemaligen Kinderzimmer gegönnt, zurückgeschaut, uns an alte Zeiten erinnert und bewusst einen innerlichen Schlussstrich gezogen. Dann haben wir geräumt, gemalert und neu eingerichtet. Wir haben Platz geschaffen für die Zukunft und somit die Voraussetzung für den Besuch vieler lieber Gäste geschaffen. 

Frage: Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Abschneiden gemacht? Schreiben Sie mir? Ich würde mich über Post freuen. 

Bevor ich es vergesse: Sollten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, kurz davorstehen oder gerade die 50er-Marke geknackt haben, habe ich noch einen Tipp. In meinem Blog „Nachdenken, abschneiden, Raum schaffen, wachsen“ bin ich den besonderen Fragestellungen nachgegangen, die sich am Beginn des letzten Karrieredrittels stellen. 

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