Podcast: Kennen Sie das Goodhart’sche Gesetz?

Was wäre das Berufsleben ohne Zielvorgaben! Jahresmitarbeitergespräche folgen immer dem gleichen Ritual: Die Zielerreichung des vergangenen Jahres wird besprochen, bewertet und in einer Kennzahl erfasst. Anschließend wird der Blick nach vorne gerichtet und neue Vorgaben werden vereinbart.   

Dieses System hat viele Errungenschaften möglich gemacht. Es hat aber auch eine dunkle Seite, und die hat der emeritierte britische Ökonom Charles Goodhart von der London School of Economics brillant beschrieben.  

Er sagt, „When a measure becomes a target, it ceases to be a good measure.“ –  Sinngemäß übertragen: „Wenn ein Maß zum Ziel wird, hört es auf, ein gutes Maß zu sein.“1  

Worum geht es Goodhart? Im Kern geht es ihm darum, dass Kennzahlen und Score Cards sich verselbstständigen können und dann zum Problem werden.  

Lassen Sie mich sein Anliegen anhand eines zugegebenermaßen simplen Beispiels aus meinem Leben illustrieren.   

Ein Praxisbeispiel 

Ich hatte mir im vergangenen Jahr vorgenommen, etwas für meine Gesundheit zu tun. Für mich als Schreibtischtäter erschien es sinnvoll, mich mehr zu bewegen. – Wie heißt es so treffend: Sitzen ist das neue Rauchen! – Also entschloss ich mich, täglich eine bestimmte Menge an Schritten zu absolvieren. Letztes Jahr sollten es an mindestens 250 Tagen mehr als 5.000 Schritte sein. Dahinter steckte der Gedanke, dass ich mich mehr bewegen wollte, um körperlich gesünder und leistungsfähiger zu sein. Außerdem wollte ich bei der Gelegenheit mich von ein paar überflüssigen Pfunden verabschieden.  

Nun gehöre ich zu der Sorte Mensch, die sich herausfordern lässt und so war es für mich selbstverständlich, dass ich die gesetzte Kennzahl weit übertreffen würde. Also machte ich mich mit religiös anmutendem Eifer ans Werk. Zum Jahreswechsel waren aus 5.000 Schritten an mindestens 250 Tagen durchschnittlich 9.170 Schritte täglich geworden.  

Aber bevor Sie mich jetzt loben, sollten Sie wissen, dass ich Opfer des Goodhart’schen Gesetzes geworden war: Anstatt das eigentlich Ziel der Übung zu verfolgen, nämlich einen fitten und gesunden Körper, verfiel ich dem Bann der Zahlen. – Es ist mir peinlich, das eingestehen zu müssen: Als ich im Dezember aufgrund eines hartnäckigen grippalen Infekts mich nur sehr begrenzt bewegen konnte, da wurmte es mich, dass ich die heimliche Marke von 9.500 Schritten zum Jahresende verfehlen würde.  

Was war geschehen? Ich hatte klammheimlich mein ursprüngliches Ziel durch ein Pseudoziel ersetzt. Das Ergebnis: Obwohl ich mein ursprüngliches Ziel (mehr Fitness, weniger Pfunde, etc.) erreicht, ja, übertroffen hatte, war ich unzufriedener als vorher. Ich war unter den Erwartungen meines Pseudoziels geblieben und somit gescheitert; quasi im Erfolg gescheitert.      

Die Faszination der Kennzahlen 

Wir lieben Erfolge, die sich in Zahlen quantifizieren lassen. Aber manchmal führt uns diese Faszination in die Irre, und zwar dann, wenn wir das Ziel durch eine Maßeinheit ersetzen.  

Ich möchte Ihnen eine Frage stellen: Wo hat sich in Ihrem Leben oder in Ihrer Arbeit das Messbare vom Ziel abgekoppelt und ein Eigenleben entwickelt? Was muss wieder zurechtgerückt, was neu priorisiert werden?  

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich halte viel davon, kritisch hinzuschauen, zu messen und zu bewerten. Das gehört selbstverständlich zum verantwortlichen Handeln dazu. Es ist nur so, dass das Ziel für mich (im Bilde gesprochen) der Hund und das Maß der Schwanz ist. Ich wünsche mir für Sie, was ich auch für mein berufliches Wirken will: Dass der Hund mit dem Schwanz wedelt und nicht umgekehrt!     

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Die hier frei übertragene Version des Goodhart’schen Gesetzes geht zurück auf die Anthropologin Marilyn Strathern.  

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