Habe ich die Wahl?

Ich bin auf dem Weg zurück aus Berlin nach Wetzlar. Keine Sorge, die Hände sind nicht am Steuer. Während ich diese Zeilen tippe, sitze ich im Zug. Ich habe eine Tagung besucht, bei der es ums Thema Leitung ging. Gestern wurde eine Frage gestellt, der mich hat aufhorchen und nachdenken lassen. Der amerikanische Referent fragte: 

Will this make me better or bitter? – Wenn mir hinderliche Umstände in die Quere kommen, wie geht ich damit um? Machen sie mich bitter oder werde ich besser, weil ich an ihnen wachse? 

Nun gibt es recht harmlose Unpässlichkeiten, die einem widerfahren können. Beispielsweise musste auf der Hinfahrt nach Berlin Waggon 11 wegen eines technischen Defekts mitten im hessischen Nirgendwo aus dem Zug ausgegliedert werden. 90 Minuten Stillstand! Meine Pläne für den Nachmittag lösten sich in Wohlgefallen auf. – Ich habe mich für eine Weile geärgert und bin dann zur Tagesordnung übergegangen. Schließlich konnte ich bei Gesprächspartnern mit einer Geschichte aufwarten, die man nicht alle Tage erlebt.   

Aber was, wenn’s dicke kommt? Wenn Verleumdung, viel Geld oder ernste gesundheitliche Probleme das Leben zur Hölle werden lassen? Je nach Temperament ziehe ich mich zurück, grüble, werde vielleicht ungehalten oder schmiede Rachepläne. Für mich ist etwas anderes zielführend und das hat mit “besser oder bitter” zu tun. 

Ich habe immer die Wahl 

Nein, ich bin nicht einfach nur Opfer.  Ich kann entscheiden, wie ich mit dem umgehe, was mir widerfährt. Und das Ergebnis meiner Entscheidung wird mich (hoffentlich) besser und nicht bitter machen. 

Manchmal kostet das Kraft, wenn beispielsweise ein Kollege sich mies verhält. Dann stellt sich mir die Frage: Zahle ich mit gleicher Münze zurück oder – ich gebrauche an dieser Stelle einmal einen biblischen Begriff – segne ich den anderen? »Segnen« bedeutet, ich wünsche dem anderen Gutes und verhalte mich entsprechend. Der Segen muss nicht laut ausgesprochen werden. Er kann in aller Stille zugedacht werden. Interessanterweise wird dieser Segen über kurz oder lang Auswirkungen haben und zwar beim Anderen und bei mir. 

Nun sind Unfreundlichkeiten oder andere Nichtigkeiten im Alltag das eine. Wie aber verhält es sich bei den wirklich großen Sachen, dort, wo es ans Eingemachte geht? 

Meine Erfahrung ist, dass es keinen Unterschied macht, wie groß der Ärger bzw. die Ungerechtigkeit ist. Es gilt immer das gleiche Prinzip. Mir bleibt die Wahl, den Anlass so zu nehmen, dass ich daran wachse und reife oder ich gebe der Bitterkeit Raum. 

Ein Beispiel

Die Bibel berichtet von einem nächtlichen Kampf zweier Männer. Der eine ein hocherfolgreicher Geschäftsmann, der alle Tricks seiner Branche kannte und kein Problem mit dem Einsatz von Ellbogen hatte. Er trug den unvorteilhaften Namen »Fersenhalter«, ein Name, der in seinem Fall zur Lebensmelodie geworden war. Der andere wird nur als Bote Gottes bezeichnet. In diesem Kampf, der sich in der Nähe des Bachs Jabbok im heutigen Jordanien ereignete und eine ganze Nacht dauerte, ging es für den Geschäftsmann ums Ganze. Alles, sein Hab und Gut standen auf dem Spiel. Er musste sich der Auseinandersetzung stellen. 

In der Bibel wird berichtet, dass Herr »Fersenhalter« , das ist die hebräische Bedeutung des Namens Jakob, sich nicht unterkriegen ließ, obwohl er dem Gottesboten weit unterlegen war. Am Ende seines Kampfes klammerte sich Jakob an seinen Gegner, den Gottesboten, mit den Worten: “Ich lasse dich nicht, du segnest mich zuvor.” Der Segen, der ihm daraufhin zugesprochen wurde, sollte sein Leben nachhaltig zum Guten verändern. 

Better or bitter – in der englischen Sprache ist es nur ein Buchstabe, der sich ändert. Aber genau dieser Buchstabe macht den Unterschied aus. Besser oder bitter – ich, Sie, wir haben die Wahl. Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Kraft haben, richtig zu entscheiden.

Und noch etwas: Sollten Sie jemals in die Verlegenheit kommen (bildlich gesprochen) einen nächtlichen Kampf durchstehen zu müssen, dann machen sie’s wie der Fersenhalter Jakob. Kämpfen Sie mit Leidenschaft. Geben sie nicht zu früh auf. Es könnte sein, dass sich Ihr nächtlicher Gegner als Segensträger in Ihrem Leben entpuppt. 

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Joyce Lin (40) ist eine besondere Frau: IT-Spezialistin und Buschpilotin in Papua, Indonesien. Jemand, der sein Leben eingesetzt hat für andere.

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