Geknicktes Rohr und glimmender Docht

Wer ist die Nummer 1?

Es gibt im Konfliktverhalten einen auffälligen Unterschied zwischen Menschen und Tieren, die in sozialen Verbänden leben. Kämpfen beispielsweise Hunde darum, wer die Rolle des Alphatiers innehaben darf, dann zeigt nach kurzem Kampf der unterlegene Rüde durch entsprechendes Verhalten, dass er den anderen als höherstehend anerkennt. Damit endet der Konflikt zwischen beiden Tieren.

Nicht so bei Menschen. Immer wieder erlebe ich, dass am Ende eines Konflikts bewusst nachgetreten wird. Gerade so, als ob ein finaler Hieb, Stich oder Tritt notwendig sei, um die Angelegenheit ein für alle Mal zu beenden. 

Übrigens, man kann die gleichen Muster bei Street Gangs und im Geschäftsleben beobachten. Die Konfliktthemen, Mittel und Methoden mögen unterschiedlich sein. Das angestrebte Ergebnis ist ähnlich: die (größtmögliche) Demütigung oder sogar Vernichtung des Gegners. Für mich ist das ein schockierendes, hässliches Verhalten. 

Bloß keine Schwäche zeigen!

Kann es sein, dass hinter dem Bestreben, sich im Berufsleben möglichst keine Blöße zu geben, die Sorge verbirgt, ausgenutzt und ggf. kaltgestellt zu werden? Dass man darauf bedacht ist, die Botschaft zu verströmen: Bei mir ist alles gut. Du hast keine Chance, mir an den Karren zu fahren. Deshalb probiere es gar nicht erst. 

Zur Realität des Lebens gehört aber die Tatsache, dass ich nicht immer oben auf bin. Mehr als es mir lieb ist, fühle ich mich überfordert, unkonzentriert, blockiert oder kraftlos. Dafür gibt es viele Gründe: Eine schlechte Nacht, ein dummer Fehler, ein schwelender Konflikt, eine ausweglose Lage, Stress, Nachrichten, die mir zusetzen, Angst. Ich könnte eine lange List von Gründen aufführen, die mich daran hindern, „on top“ zu sein. 

Neulich las ich einen für meine Begriffe wenig hilfreichen Rat. Der besagte: „Fake it until you make it.“ Übersetzt: Bluffe so lange, bis du es geschafft hast. 

Ich finde, dass es das nicht sein kann. Mich spricht in diesem Zusammenhang ein Wort aus der Bibel an. Es steht im ersten Teil, dem Alten Testament, und wird dem Propheten Jesaja zugesprochen. Dort heißt es:

„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“Jesaja 42,3a

Der mögliche geschichtliche Hintergrund

Auf welchen konkreten Anlass sich die Worte Jesajas beziehen, ist unbekannt. Denkbar wäre eine Situation, die sich zurzeit von König Hiskija zugetragen hat:

Unter ihm war es politisch und wirtschaftlich aufwärtsgegangen. Allerdings lauerten überall Bedrohungen. Die mächtige Regionalmacht Assyrien im Norden und der ägyptische Pharao im Süden bedrohten den Staat. 

Als der Assyrier-König Sanherib auf einem seiner Eroberungszüge das Land verwüstete, hatte König Hiskija alles versucht, um ihn zu besänftigen. Sogar das Tempelgold hatte man dem fremden Herrscher überlassen. Aber nein, Sanherib wollte nachtreten. Ihm schwebte die völlige Vernichtung Jerusalems vor. 

Angesichts der überlegenen militärischen Stärke des Feinds konnten Hiskija und die Bürger Jerusalems sich durchaus wie ein geknicktes Rohr oder einen glimmenden Docht fühlen. 

In eine trostlose Situation wie diese könnte der Prophet Jesaja Gottes Botschaft gesprochen haben. Es waren zutiefst tröstliche Worte: Völlig egal, wie es um dich bestellt ist, ich werde dich nicht fertigmachen. Im Gegenteil. Deine Umstände und Bedrohungen sind mir bekannt. Ich kann damit umgehen, und ich werde das auch tun. Ich stehe zu dir und erbarme mich über dich. 

Und heute?

Auch wenn dieser Bibelvers einer Situation gegolten hat, die längst Geschichte ist, so bleiben der Kern der Aussage und die damit verbundene Wahrheit gültig, und zwar für jeden, der Gottes Hilfe sucht.

Mit anderen Worten, ich kann mich den unschönen Realitäten meiner Umstände stellen. Ich muss nicht bluffen, so tun, als ob ich stark und erfolgreich bin. 

Im Gegenteil. Ich kann die neue Woche mit der Gewissheit beginnen, dass der, der geknickte Rohre und glimmende Dochte nicht verwirft oder auslöscht, auch mit mir angemessen umgehen wird. Er wird mich aufrichten. Das Geknickte in meinem Leben kann er gerade ziehen und das Feuer in mir neu entzünden. 

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

Zum guten Schluss

Sonntags veröffentliche ich oft kurze Impulse zu spirituellen Themen. Dabei orientiere ich mich am Kirchenjahr. Gelegentlich greife ich aktuelle Themen auf oder schreibe einfach über das, was mir wichtig ist. Wenn Sie Interesse haben, mehr zu lesen, dann schauen Sie hier vorbei.

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