Ende gut, alles gut! Oder doch nicht?

Rechenschaft ablegen

Immer im Mai findet im Unternehmen, in dem ich mitarbeite, die Jahreshauptversammlung statt. Vorstand und Aufsichtsrat berichten über das zurückliegende Geschäftsjahr und beschreiben die Vorhaben der Zukunft. Dann können Rückfragen gestellt werden. Und die kommen auch. Manchmal wohlwollen, gelegentlich kritisch. Schließlich wird der Antrag auf Entlastung gestellt und damit ein Schlussstrich unter das gezogen, was im zurückliegenden Jahr gewesen ist. 

Selbst im Staat gibt es einen Tag der Abrechnung. Der ist spätestens angebrochen, wenn ein neues Parlament gewählt wird. Sind die Bürger unzufrieden mit der Leistung der Regierung oder überzeugen die zur Wahl stehenden Kandidaten nicht, dann werden die entsprechenden Parteien abserviert. Sie müssen in die Opposition. 

Es wundert nicht, dass auch in der Bibel immer wieder die Rede davon ist, dass Menschen Rechenschaft über ihr Tun und Lassen abgeben müssen. Spätestens dann, wenn die Zeit auf Erden vorbei ist, wird jeder vor seinem Schöpfer stehen und sich verantworten müssen. So verstehe ich die Ausführung von Jesus im Matthäusevangelium 25.  

Eine Beispielgeschichte

In einer Beispielgeschichte erklärt er, was die Kriterien sind, anhand derer ich beurteilt werde. Jesus gebraucht dazu ein Bild, das den damals ländlich geprägten Zuhörern gut verständlich war: Ein Hirte trennt Schafe und Ziegenböcke. Damals war es üblich, dass man die Tiere tagsüber gemeinsam weidete, jedoch nachts trennte. 

Jesus vergleicht Menschen, die sich im Sinne Gottes verhalten haben mit Schafen. Die anderen, denen Gottes Gebote egal waren, bezeichnet er als Ziegenböcke. Matthäus zitiert Jesus mit den Worten: 

„Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.“ Matthäus 25, 35-36 nach der neuen Luther-Übersetzung.

Es geht Jesus in diesem Zusammenhang nicht um religiöse Aktivitäten, sondern um meinen Nächsten. Vermögen, Macht und Religiosität spielen in seiner Beispielgeschichte keine Rolle. Es zählt nur, wie ich mich meinem Gegenüber verhalten habe. 

Habe ich dessen Not wahrgenommen? Wie habe ich meinen Einfluss geltend gemacht? War ich großzügig mit den Mitteln, die mir zur Verfügung gestanden haben? Habe ich meinem Nächsten Gutes getan? 

Auf die irritierte Rückfrage seiner Zuhörer antwortet Jesus mit seinem Satz, der für diese Woche, die mit dem 13. Sonntag nach Trinitatis beginnt, als Leitgedanke ausgewählt worden ist: 

„Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, Matthäus 25,14b

Was heißt das für mich? 

Mir kommen unwillkürlich die Bilder der Naturkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen in den Sinn. Ich muss an die verzweifelten Afghanen denken, die am Kabuler Flughafen auf Rettung von den fanatischen Taliban gehofft haben.

Dann fällt mir auf, dass das alles sehr weit weg ist. 

Ich glaube, dass Beispielgeschichte von Jesus nicht nur die großen Katastrophen meint. Es geht um mich und das, was ich bewirken kann: Wie ist das in meinem Umfeld? In meiner Nachbarschaft? Unter meinen Bekannten? Im Betrieb? Wie habe ich im Kleinen zum Guten gewirkt? 

Bevor Sie weitersurfen…

Sonntags veröffentliche ich oft kurze Impulse zu spirituellen Themen. Dabei orientiere ich mich – wie heute – am Kirchenjahr. Gelegentlich greife ich aktuelle Themen auf oder schreibe einfach über das, was mir wichtig ist. Wenn Sie Interesse haben, mehr zu lesen, dann schauen Sie hier vorbei.

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