Der wichtige emotionale Anker

Beruflich bin ich in der Vergangenheit öfters in den USA unterwegs gewesen.  Immer wieder überrascht hat mich die Ansage der Flugbegleiter nach der Landung: “Welcome home”.  Das gibt es nur bei amerikanischen Fluglinien oder haben Sie es jemals erlebt, dass Sie mit einem “Willkommen zuhause” in Deutschland begrüßt wurden? Ich nicht. Bei deutschen Fluglinien hört man Sätze wie: “Good bye and auf Wiedersehen.” 

Das gute Gefühl 

Dabei ist es ein wirklich gutes Gefühl, willkommen zu sein! Wir alle schätzen es, wenn wir freundlich willkommen geheißen werden. Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir soziale Wesen sind, die das Bedürfnis haben, dazuzugehören. 

Besonders als unsere Kinder noch klein waren, war es immer ein großes Hallo, wenn ich im Frankfurter Flughafen mit Koffern bepackt durch die Schiebetür in die Empfangshalle trat. Manchmal war es der beste Moment der gesamten Reise. 

Was im vertrauten Kreis der Allerliebsten gilt, gehört in ähnlicher Weise in anderen Zusammenhängen dazu. Dazu zählen auch die beruflichen Bezüge. Menschliche Wärme und Freundlichkeit berühren uns. Sie schaffen das gute Gefühl der Verbundenheit. Überdies prägen sie unsere Interaktion. Wer zu mir freundlich ist, dem begegne ich nicht unwirsch. Wieso sollte ich? Ich habe keinen Grund dazu. Außerdem weiß ich, dass ein solches Verhalten die gute Beziehung aufs Spiel setzen könnte. Und das will ich nicht.

Und tschüss? 

Weniger offensichtlich, aber genauso wichtig ist es, auf einer positiven Note ausgesendet zu werden. Ich denke beispielsweise an den liebevollen Händedruck, die Umarmung meiner Frau vor einer längeren Dienstreise, den besorgten Blick, der mich wissen lässt: Sie ist gedanklich bei mir. Meine Eltern haben das mehrfach erlebt, als sie für mehrjährige Einsätze nach Afrika aufgebrochen sind. Freunde und Bekannte ließen es sich nicht nehmen, beispielsweise meinen Vater 1952 zum Hamburger Hafen zu begleiten. 

Ausgesendet sein bedeutet im Regelfall eine Aufgabe zu haben, die erledigt werden soll. Es kommt auf mich an. Ich werde gebraucht und was ich tue ist von Bedeutung.  

Der eine, besondere Ort

Das Aussenden und willkommen heißen erinnert mich daran, dass es einen Ort gibt, an dem ich zu Hause bin, wo ich hingehöre und mindestens einen Menschen, für den ich wichtig bin. Ich nenne solche Orte Ankerplätze. Hier kann ich – bildlich gesprochen – vor Anker gehen, weil ich mich sicher fühle.

Haben Sie einen solchen Ort? Gibt es einen Menschen in Ihrem Leben, für den Sie (jenseits von Titel und beruflicher Funktion) wichtig sind? 

Wenn das bei Ihnen der Fall ist, Sie aber um Bekannte oder Mitarbeiter wissen, die das nicht haben, möchte ich etwas anregen. Wie wäre es, wenn Sie für andere Menschen diese Rolle ansatzweise übernehmen würden? 

Das können kleine Gesten sein. Ich denke beispielsweise an ein aufrichtiges “mach’s gut” oder “viel Erfolg auf deiner Reise” und ein ehrliches “schön, dich wieder zu sehen” oder “da bist du wieder. Ich habe mich gefragt, wie es dir ergangen ist”. Solche Gesten können wohltuend sein, weil sie dem anderen signalisieren: Da ist jemand, der echtes Interesse an dir hat. Bitte glauben Sie mir, gesehen und geschätzt zu werden, ist mehr wert als Sie vermuten. 

Zu guter Letzt

Vielleicht sind Ihnen solche Gedanken fremd. Sie können nicht nachvollziehen, warum Sie sich damit beschäftigen sollten. Deshalb hier zwei Anregungen aus einer völlig anderen Perspektive: 

Erstens: Hinter dem Bedürfnis der Zugehörigkeit steckt ein biochemischer Vorgang. Ein wesentlicher Botenstoff, das Bindungshormon Oxytocin, wird ausgeschüttet, wenn Menschen sich einander zuwenden. Der überraschende Nebeneffekt: Die Folgen von Stress können reduziert werden, weil Oxytocin dem Stresshormon Cortisol entgegenwirkt. Man entspannt sich. Die Grundlage dafür, dass Vertrauen entstehen kann, wird gelegt. Mehr dazu in einer Studie von Prof. Dr. Ernst Fehr von der Universität Zürich. Man könnte auch sagen. Oxytocin schaffte einen guten Teamgeist und damit die Voraussetzungen für produktives Arbeiten.   

Ein zweiter Gedanke: Heute gewinnen soziale Fertigkeiten einerseits und Lebens- und Arbeitsqualität andererseits an Bedeutung. Dieser Trend ist nicht zu unterschätzen. In einer Zeit, in der der „War for Talents” im vollen Gang ist, also an qualifiziertes Personal nur schwer zu kommen ist, gilt es, sogenannte „High Potentials“ zu halten. Eine Weile mag das mit Geld funktionieren. Dauerhaft aber nicht. Effektiver ist es, wenn Sie einen anderen Weg einschlagen: den des wertschätzenden Miteinanders, der echten Begegnung, in der man einander bewusst wahrnimmt und echtes Interesse für das Gegenüber zeigt.

Bildquellen

  • Bild-ID 395422135: Lokuttara / Shutterstock.com

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