Der Schütze und die Titanic

Man erzählt sich die Geschichte von einem legendären texanischen Scharfschützen. Seine Trefferquote betrug phänomenale 100%. Immer traf er ins Schwarze.

Eines Tages war es wieder so weit. In der glühenden Mittagshitze, ganz in der Manier des Westerns  „High Noon“, ballerte der Cowboy mit seinem Schießeisen auf eine Scheune. Er durchsiebte sie regelrecht. Dann legte er den Colt zur Seite und griff nach Pinsel, Farbe und einer Leiter. Sorgsam malte er um jedes Loch eine Zielscheibe. Wo auch immer ein Loch zu finden war – es wurde eine Zielscheibe darum gemalt.

So wurde jeder Schuss zum Volltreffer oder sollte ich besser sagen: wurde nachträglich zum Volltreffer.

Diese kleine Geschichte illustriert ein Problem, das Menschen in Führungsverantwortung gut kennen: Die nachträgliche und manchmal abenteuerliche Interpretation eines Vorgangs oder von Ergebnissen. Man analysiert Muster und meint Zusammenhänge zu erkennen. Diesen werden im Nachhinein Bedeutung zugewiesen.

Wenn man erfolgreich ist, macht diese Methode Spaß. Bekanntlich hat der Erfolg viele Väter. Aber wehe, wenn man über einen Misserfolg oder, schlimmer noch, das eigene Scheitern sprechen muss.

Ein unverfängliches Beispiel gefällig?

Die Titan(ic)

Der amerikanische Autor Morgan Robertson veröffentlichte 1889 den Roman Futility. In eine Liebesgeschichte eingebettet wird das Schicksal des als unsinkbar geltenden Schiffs mit dem Namen „Titan“ beschrieben. Etwa 14 Jahre vor dem Untergang und 11 Jahre vor Baubeginn der „Titanic“ fährt das gigantische Luxusschiff Titan über den Atlantik. An Bord sind nur 20 Rettungsboote, etwa die Hälfte dessen, was man für alle auf dem Schiff befindlichen Menschen gebraucht hätte. Im Vergleich dazu: Bei der Titanic waren es 24 Rettungsboote. Auch hier nur die Hälfte dessen, was eigentlich gebraucht wurde. Gegen Mitternacht im April rammt die Titan vor Neufundland einen Eisberg. 14 Jahre später widerfährt der Titanic exakt das gleiche Schicksal. Auch die Zahl der Toten ist vergleichbar.  Weitere Ähnlichkeiten: beide Schiffe haben ein Ladevermögen von zirka 3.000 Menschen, werden von 3 Schiffsschrauben angetrieben und besitzen 2 Masten.

War Morgan Robertson ein Prophet? Schrieb er sein Buch in dunkler Vorahnung dessen, was Jahre später kommen würde? Hat ein Zeitreisender ihm die Story zugeflüstert? Oder hat es die Titanic als reales Schiff (wie die Mondlandung) in Wirklichkeit nie gegeben? Die Story der Titanic als großer Betrug, quasi als Plagiat des Romans Futility? Wie dem auch sei, bis heute wird in esoterischen Kreisen die Ansicht vertreten, Morgan Robertson habe eine Vision gehabt.

Das Problem

Schaut man nur auf bestimmte Aspekte, kann man leicht Opfer des texanischen Schafschützen-Syndroms werden. Man grübelt so lange, bis man Zusammenhänge zu erkennen vermeint und weist dann dem, was man erkannt hat, Bedeutung zu.

Der Journalist David McRaney erinnert daran, dass uns Menschen eine Eigenschaft innewohnt: Wir ignorieren gerne den Zufall, wenn die Vorfälle bedeutsam zu sein scheinen oder wenn wir zufälligen Ereignissen Bedeutung zusprechen wollen.

Schaut man nüchtern und distanziert auf das Geschehen, lässt sich Zufall als ein die Realität bestimmender Faktor leichter akzeptieren. Nicht aber, wenn man gewillt ist, zufälligen Geschehnissen irgendeine Bedeutung zuzusprechen. Dann vernebelt sich der Blick und der Wunsch wird zur Realität  erklärt.

Was man dagegen tun kann

Damit Sie bei der nächsten Fehleranalyse nicht einer falschen Spur aufsitzen, habe ich zwei Anregungen für Sie:

  1. Zunächst einmal ist es m. E. hilfreich, wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt. Eine ordentliche Portion Skepsis gegenüber sich selbst kann helfen, sich die Sicht nicht vernebeln zu lassen.
  2. Der vermutlich effektivste Weg ist der, mit Hilfe einer Hypothese zu arbeiten. Also eine künstlich aufgestellte Vermutung, die man akribisch und systematisch durchleuchtet und ggf. widerlegt.  Diese kann positiv (Warum waren wir erfolgreich?) oder negativ (Warum sind wir nicht gescheitert?) formuliert sein. Hauptsache sie erdet die Analyse in einer sachlichen Betrachtung.

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