Das Hochstapler-Syndrom

In diesem Jahr werden es 40 Jahre sein, seit einer aufsehenerregenden Veröffentlichung der Georgia State University. Es ging ums Hochstapeln. Genauer gesagt, ein Phänomen, das bei einer großen Gruppe von Leistungsträgerinnen beobachtet wurde: 150 sehr erfolgreiche Frauen aus den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Feldern, allesamt promoviert, wurden über einen Zeitraum von 5 Jahren von Pauline Rose Clance & Suzanne Imes befragt. Heraus kam die Erkenntnis, dass ein großer Teil der Probandinnen das Gefühl nicht los wurde, in Wirklichkeit nicht so intelligent bzw. fähig  zu sein, wie sie vorgaben. Sie fühlten sich als “Blenderinnen”, Hochstaplerinnen, und erwarteten, dass irgendwann ihr Schwindel auffliegen würde.[1]

Vergleichende Untersuchungen bei Männern ergab anfangs, dass diese weniger unter dem Phänomen litten. In der Zwischenzeit geht die Forschung davon aus, dass das Hochstapler-Syndrom bei beiden Geschlechtern gleichermaßen häufig vorkommt.

Der/die gefühlte Hochstapler/in

Das Gefühl, nicht gut genug bzw. nicht kompetent zu sein, ist ein großes Problem. Mehr noch, je qualifizierter, desto mehr Selbstzweifel! Hier ein Beispiel: “Ich war davon überzeugt, dass ich als intellektuell oberflächlich entlarvt werden würde, als die Verteidigung meiner Promotion bevorstand. In gewisser Weise war ich sogar erleichtert bei dem Gedanken, dass meine Hochstapelei nun bald ihr Ende finden würde. Umso schockierter war ich, als der Vorsitzende des Prüfungsausschusses mir sagte, dass meine Prüfung exzellent verlaufen sei und meine  Doktorarbeit eine der besten gewesen sei, die er in seiner gesamten Karriere gelesen hatte.”

Woher kommt dieses Gefühl? P.R. Clance und S. Imes haben zwei Indizien beobachtet. Ich sollte an dieser Stelle anmerken, dass nach meinem Dafürhalten hier Männer und Frauen gleichermaßen betroffen sind:

Der/die begabte Bruder/Schwester

In der Familie wird ein Geschwisterteil als besonders begabt identifiziert. Egal wie gut die eigenen Leistungen sind, die Familie ist nicht beeindruckt. Schließlich verinnerlicht man das Urteil der Familie und hält eigene Erfolge für Zufälle oder das Ergebnis glücklicher Umstände. Infolgedessen kann man die eigenen Erfolge nicht genießen. Ständig lauert im Hintergrund die Sorge, dass das nur eine Form der Hochstapelei ist.

Die Last der sogenannten Hochbegabung

Das Gefühl der Hochstapelei kann aber auch anders entstehen. Die Eltern oder eine andere maßgebliche Bezugsperson erklären einen für sehr begabt. Das führt mit der Zeit zu ständigem Druck. Weil das Kind selber merkt, dass nicht alles einfach und ohne Anstrengung zu haben ist, wird es verunsichert. Es entsteht eine Spannung zwischen der Aussage der Eltern (du bist begabt und kannst viel erreichen) und der eigenen Erfahrung (ich habe Mühe). In der Konsequenz festigt sich beim Heranwachsenden die Überzeugung: Ich bin nicht so gut, wie andere das von mir meinen. Folglich liegt die Vermutung nahe, dass man ein Hochstapler sein muss, wenn sich Erfolge einstellen.

Warum sich dieses Denken in den Köpfen festsetzt

P.R. Clance und S. Imes  sehen mehrere Verhaltensweisen, die dieses Denken begünstigen:

Die einen reagieren, indem sie gewissenhaft und hart arbeiten. Die Sorge, der Hochstapelei überführt zu werden, ist allgegenwärtig und treibt zu immer neuen Höchstleistungen.

Andere übernehmen eine gewisse intellektuelle Oberflächlichkeit, indem sie ihre Vorgesetzten beobachten und ihnen dann nach dem Mund reden. Mit der Zeit entwickeln sie eine Pseudokompetenz für die Vorlieben ihrer Chefs. In Wahrheit wächst die Sorge, irgendwann als unwissend oder unfähig entlarvt zu werden. Diese Sorge wird irgendwann auch auf jene Bereiche projiziert, in denen man wirklich fähig ist.

Wieder andere setzen ihren Charme und Wahrnehmungsfähigkeit ein, um das Wohlwollen ihrer Vorgesetzten zu gewinnen, anstatt ihrer eigenen Kompetenz zu vertrauen. Ihre Erfolge schreiben sie folglich weniger ihren Fertigkeiten als ihrem Sozialverhalten zu.

Was ich lerne

Was mich überrascht, ist die Erkenntnis, dass etwa 70% der Bevölkerung mindestens einmal in ihrer beruflichen Laufbahn das Gefühl hatten, ein Hochstapler zu sein. Mit anderen Worten: Die meisten Kolleginnen und Kollegen wissen um dieses Gefühl. Ich bin nicht alleine.

Ich muss meine eigene Prägung hinterfragen. Habe ich mir in jungen Jahren ungesunde Denk- und Verhaltensweisen angeeignet, die mir jetzt zusetzen?

Ich darf Erfolge und Fertigkeiten annehmen als das, was sie wirklich sind. Meine Erfolge und meine Fachkompetenzen.

Ganz zum Schluss ein Trostpflaster für all jene, die – wie ich – vom Selbstzweifel geplagt sind: Es gibt auch das Gegenstück zum Hochstapler-Syndrom: Justin Kruger und David Dunning von der Cornell University beschriebenen 1999 den Dunning-Kruger-Effekt[2]. Ihre Forschungsergebnisse zeigen, dass  inkompetente Menschen dazu tendieren, die eigenen Fähigkeiten zu überschätzen, während sie tatsächliches Können anderer kompetenterer Personen unterschätzen.

[1]Pauline R. Clance, Suzanne A. Imes: The impostor phenomenon in high achieving women. Dynamics and therapeutic intervention. In: Psychotherapy. Theory, Research, and Practice. 1978.

[2]Justin Kruger, David Dunning: Unskilled and unaware of it. How difficulties in recognizing one’s own incompetence lead to inflated self-assessments. In: Journal of Personality and Social Psychology. Band 77, Nr. 6, 1999, S. 1121–1134 (Volltext hier, Stand 3. März 2011 [PDF] en)

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