Es hilft nicht: Zu viel ist zu viel!

Podcast: Es hilft nicht: Zu viel ist zu viel!

Kurz & knapp: Mit der Hilfe eines Einmachglases, ein paar Steinen und etwas Stand gelang Managementguru Steven R. Covey ein eindrückliches Experiment. Seither geistert es in den verschiedensten Versionen durch die Managementliteratur.  


Sicher kennen Sie die Geschichte von dem großen Einmachglas, den Steinbrocken, Kieselsteinen und dem Sand. Steven R. Covey hat sie vor vielen Jahren publik gemacht. Seither geistert sie in den verschiedensten Versionen durch die Managementliteratur. 

Das Experiment

Die bekannteste Version dieser Geschichte handelt von einem Professor, der mit den oben genannten Utensilien bewaffnet, den Vorlesungssaal betrat und darum bat, dass seine Studenten ihm Vorschläge unterbreiteten, wie er die großen Steinbrocken, die Kieselsteine und den Sand allesamt im Glas unterbringen könne. Keinem der Studenten gelang es, die Aufgabe zu lösen. 

Am Ende nahm der Professor die großen Steine und deponierte sie als Erstes im leeren Glass. Dann griff er nach den kleinen Kieselsteinen und schließlich schüttete er den Sand hinterher. Siehe da, der Platz reichte für alles. 

Laut Steven Covey besteht der übertragene Sinn der Geschichte darin, dass man sich zunächst um die großen Brocken, sprich, die wesentlichen Dinge des Lebens kümmern muss. Dazu gehören Gesundheit, Partner und Familie. Danach kommen die Kieselsteine an die Reihe, d. h., Beruf, Freunde und Hobbys. Schließlich der Sand. Dazu gehören beispielsweise Social Media und anderes „Füllmaterial“.

Anders ausgedrückt: Es gilt Prioritäten zu setzen. 

Mein Problem mit dem Experiment.

Klingt schlüssig, habe ich seinerzeit gedacht. Allerdings musste ich irgendwann feststellen, dass es in meinem Fall ein Problem gab. 

Ich hatte zu viele Kieselsteine in meinem Leben. Damit meine ich zu viel scheinbar Unverzichtbares, dass sich in meinem Leben einfach nicht unterbringen ließ.

Vielleicht gehts doch, war meine intuitive Reaktion. Du musst dich mehr anstrengen, dein Leben besser strukturieren. Also warf ich mich ins Zeug. Optimierte hier und da. Experimentierte mit verschiedenen Zeit-Managementmethoden. Aber je mehr ich mich anstrengte, desto deutlicher wurde mir, dass meine Mühen nicht zielführend waren.

Inzwischen weiß ich’s besser. Ich habe auf die harte Tour gelernt, dass Einmachgläser ein begrenztes Fassungsvermögen haben und dieses nicht unbedingt meinen Vorstellungen entspricht. Und ich habe noch etwas gelernt. Einmachgläser schrumpfen. 

Wie meine ich das? Ganz einfach. Je älter ich werde, desto geringer ist das Fassungsvermögen meines Einmachglases. Das liegt an der nachlassenden Leistungsfähigkeit meines Körpers.

Ab 40 schrumpfen die Möglichkeiten. Zunächst merkt man das nicht. Mit den Jahren spürt man es dann aber doch. 

Natürlich kann ich eine Weile dagegenhalten, indem ich an der einen oder anderen Stelle meines Lebens „schraube“. Mich mental und physisch fett halte. Auf die Dauer ist es jedoch ein aussichtsloser Kampf. Immer weniger Kieselsteine passen ins Glas. Ob mir das gefällt oder nicht, ich muss in größeren Abständen immer wieder einen Kieselstein aussortieren.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor, den man nicht unterschätzen sollte. Ohne es bewusst betrieben zu haben, nehmen in meinem Gehirn veraltete Annahmen, negative Emotionen und toxische Gedankenmuster Raum ein. In einem kleiner werdenden Einmachglas beanspruchen sie ein wachsendes Raumvolumen. 

So steht weniger mentale Energie zur Verfügung, um das zu leisten, was mir wichtig ist. Die britisch-israelische Psychologin und Neurowissenschaftlerin Nilli Lavie hat das Phänomen treffend mit der »Perceptual Load Theory« beschrieben. 

Was also tun?

Nach längerem Ringen mit mir selbst habe ich mich dazu entschlossen, zweierlei zu tun: 

1. Ich trenne mich von einigem. 

2. Ich bescheide mich. 

Und damit bin ich der Devise meines Bekannten, Peter Elvy gefolgt und habe auf „Handgepäck“ umgestellt.

»Travel light« 

Mit leichtem Gepäck zu reisen, habe ich an einer anderen Stelle empfohlen (hier ist der Link zum Blog). Das gilt nicht nur für emotionale Beschwernisse, wie beispielsweise Groll oder Wehmut. Es trifft auch auf anderes zu, was Raum beansprucht. Vor allem aber gilt es für Menschen, die glauben, Ansprüche an mich stellen zu können. 

Also habe ich damit begonnen, mich zu trennen.

Beispielsweise von eineinhalb laufenden Metern Bücher. Im ersten Moment fühlte sich das schlecht an. Ich, der ich so gerne lese, soll Bücher entsorgen? Das kann ich nicht. Außerdem, so was macht man nicht! 

Ich habe es trotz meiner Bedenken durchgezogen. Ich habe mich von jenen Büchern, die ich in den zurückliegenden zehn Jahren nicht gelesen habe, kurzerhand getrennt. Mit einigem Abstand stelle ich fest, dass ich keines der entsorgten Bücher vermisse.

Ich habe mich aber auch von Menschen getrennt, deren Überzeugungen ich nicht mehr teilen kann. Das ist für mich heftig gewesen. Aber ich habe Platz gebraucht. Und zwar im Kopf ebenso wie auf den Bücherregalen. Heute spüre ich, dass es mir deutlich besser geht.

Sich zufriedengeben

Ein Kieselstein im Einmachglas des Lebens, der vorgab, besonders gewichtig zu sein, hatte mit meinen Vorstellungen und Träumereien zu tun. 

Dazu muss ich ein bisschen ausholen: 

Ich kann in meiner Vorstellung in verschiedenen Welten zu Hause sein. Solange ich in meiner Fantasie verweile, muss ich mich nicht entscheiden, ob ich beispielsweise ein verlässlicher Lebenspartner, Abenteurer, Leistungssportler oder Business Coach sein will. Ich bin in der Lage, verschiedene Vorstellungswelten zu bevölkern. Das einzige Problem besteht darin, dass es zu viele Kieselsteine für meine Verhältnisse sind. Greg McKeown beschreibt in seinem Buch „Essentialismus: Die konsequente Suche nach weniger“, worum es geht. 

Ich muss mich bescheiden und das geht einzig und allein, indem ich mich entscheide, den einen oder anderen Lieblingsgedanken loszulassen. Letztendlich entsteht nur dann ausreichend Raum für das, was wirklich zählt, wenn ich lerne, Nein zu sagen.

Erst Nein und dann Ja sagen

Zusammenfassend kann ich aus eigener, teils schmerzlicher, aber sehr heilsamer Erfahrung sagen: Indem ich erst Nein sage und dann Ja zu dem, was übrigbleibt, schaffe ich die Voraussetzung für bessere Lebensqualität.

Damit möchte ich zu Ihnen kommen. Ich fordere Sie heraus, das „Einmachglas“ Ihres Lebens gedanklich zu füllen. Was sind Ihre großen Brocken? Also das, was unbedingt ins Glas gehört. Welchen Namen tragen Ihre Kieselsteine? Und wie ist es mit dem Sand bestellt? Haben Sie zu viel oder passt alles gut ins Glas? Könnte es an der Zeit sein, einen kritischen Blick aufs eigene Leben zu werfen? Fällt Ihnen spontan etwas ein, dem Sie künftig weniger oder vielleicht sogar keinen Raum mehr zugestehen wollen?  

Zu guter Letzt noch ein Lesetipp: In meinem Blog Nachdenken, abschneiden, Raum schaffen, wachsen nähere ich mich dem Thema von einer anderen Seite. 

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